Von den japanischen Kinomeistern Akira Kurosawa und Kon Ichikawa haben wir gelernt: Mit den Ronin war nicht zu spaßen. Denn diese herrenlosen Samurai waren rechtlose und darum ziemlich raubeinig zu Werke gehende Raubritterexistenzen.
Ein wenig anders die fünf Ronin der gleichnamigen Band des Schweizers Nik Bärtsch, die im Scharfrichterhaus zu Gast waren und auf ein begeistertes Publikum trafen. Sanfte Schwelltöne entlockte Andy Pupato seinem Arsenal an Percussionsinstrumenten und diese zarte und klangreiche Grundierung aus Shakern, Rasseln und Cowbells verstummte den ganzen Abend über nicht. Leader Bärtsch lauschte den einzelnen Tönen seines Klavierspiels nach, und als wenn das nicht genug wäre, erklangen zudem noch sphärische Soundscapes, die den Boden für Reedsspieler Sha bereiteten. Jazziges Solieren mochte man es kaum nennen, was er auf Altsaxophon, Bassklarinette und auf der mannshohen Kontrabassklarinette zum Besten gab, dazu war die Musik des Abends zu durchkomponiert und am steten straffen Zusammenspiel der Band orientiert. Und doch entbehrte es nicht eines ganz eigenen Reizes, als Schlagzeuger Kaspar Rast seine großen Becken extra lange nachklingen ließ, während sich Kontrabassklarinette, E-Bass und Flügel irgendwo zwischen Großem C und H ihr Plätzchen suchten. Vom dem selten gehörten Klarinetten-Monstrum einmal abgesehen, sind das ja alles bekannte instrumentelle "Zutaten", und doch hört man eine solche Wolke ausgespielter, lang verklingender Töne viel zu selten. Die Musik der Ronin ist auf Zeit angelegt und erkundet dabei die sich eröffnenden Möglichkeiten klangräumlicher Tiefe. Man kann in ihr durchaus einen Soundtrack zur "Entdeckung der Langsamkeit" sehen, man kann sich damit (zugegeben etwas garstig gesagt) Morton Feldmans Musik "schön hören", doch sie selbst kann noch ganz andere Sachen...
...und zwar immer dann, wenn Nik Bärtsch sein Klavierspiel auf die rechte Hand beschränkte. Mit der Linken zeigte er dann dem Publikum seine Interpretation einer "Klavierbearbeitung". Dann ging es einige Takte lang schon einmal brachialer zu, bis hin zum Traktieren des Flügel-Innenlebens mit einem Drumstick. Gerade noch hatte Björn Meyer seinem eindrucksvoll schlichten Sechssaiter von Bassbaumeister Michael Tobias zarte Flageoetts und eine wunderschöne Legato-Begleitung entlockt, ja selbst einen Ton nach Art von Großmutters alter Standuhr zauberte er aus seinem Instrument, als man ihn auch schon mit Sha um die Wette knattern hörte. Da bedurfte es keines weiteren Schlagwerkerkommentars, um festzustellen, dass diese Band sehr wohl gehörig aggressiv (O-Ton: "live klingen wir etwas rockiger".) zu Werke gehen kann. Das nur, falls Sie bislang dachten, die Klangwelten von Nik Bärtschs Ronin seien der Meditationsmusik oder ahnlichem zuzurechnen.
Doch was ist sie dann? Repetitiv und doch zu klangintensiv, um in der Schublade Minimal Music zu verschwinden. Hypnotisch groovend, tight im Bandsound und doch weitgehend frei von ausgedehnten Improvisationen. So erreicht sie aufgeschlossene Rockmusik- und Jazzgenießer gleichermaßen. Nik Bärtsch's Ronin machen reich besetzte Instrumentalmusik, die in der Schichtung ihrer Einzelteile zu komplex ist, um lediglich entspannt den Alltag zu untermalen, aber auch um noch Song genannt zu werden. Einen Zyklus von Klangfarbe schwerer Groovegemälde träfe es vielleicht, doch Nik Bärtsch scheint einen wohligen Abstand zu seinen Kompositionen zu pflegen. Weshalb er sie wohl auch alle nur Modul nennt und anschließend beinahe schnöde mit einer Nummer versieht. Mit den Albentiteln verhält es sich da schon etwas anders: die neueste Ronin-Veröffentlichung auf Manfred Eichers Label ECM trägt den Titel Holon. Vom Schriftsteller und Wissenschaftstheoretiker Arthur Koestler haben wir gelernt, dass ein Holon ein abstrakter ontologischer Erklärungsbegriff ist, der ein autonomes Ganzes beschreibt, welches wiederum in eine größere Ganzheit eingebunden ist. Ein sperriger Titel für eine Platte und doch zutreffend, denn die Bärtsch'schen Module, diese jeweils in sich abgeschlossenen durchkomponierten Jams lassen sich in der Aufführung so aneinander reihen, dass ein neuartiges Ganzes, eine Art Klangfluss entsteht. Kein Klangfluss, den man am Ufer meditierend an sich vorüberziehen lässt, sondern einer, in den man mit den Ohren hinein springt und tief, tief hinab taucht.
tsc/passau-live.de
|
|