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Der Mann von La Mancha
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Premiere
 
Gottfried-Schäffer-Straße 2 - Altstadt | Rubrik: Kunst
Bildbeitrag vom 11.01.2009
Es gibt auf dieser Welt Dichter und Verdichter. Doch ob ausschmückend ersinnen oder konzise berichten, beide Arten des Geschichten Erzählens bedürfen einer gewissen Gabe. Dale Wasserman zum Beispiel, der kurz vor Weihnachten verstorbene amerikanische Autor des Musicals „Der Mann von La Mancha“, der muss sie gehabt haben. Das war ein Verdichter vor dem Herrn! Schaffte der es doch tatsächlich die Essenz des Don Quijote, immerhin eines bald vierhundertjährigen Romans von doch beachtlichem Umfang über den wohl bekanntesten Kauz der Weltliteratur, in ganzen vier Sätzen auf den Punkt zu bringen: „Wenn das Leben selber verrückt erscheint, wer soll dann noch wissen, wo der Wahnsinn liegt? Vielleicht ist es Wahnsinn, sich Träumen hinzugeben und Schätze zu suchen, wo nur Schutt ist.
Aber vielleicht ist es auch Wahnsinn, normal zu sein. Aber ganz gewiss ist es der allergrößte Wahnsinn, das Leben so zu sehen, wie es ist, und nicht so, wie es sein sollte.“ Wem er diese Kampfansage an die nüchterne Weltsicht des Realisten in den Mund legte? Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616), dem Schöpfer des „Ritters von der traurigen Gestalt“ und spanischen Nationaldichter. Wasserman, Librettist Joe Darion und der Komponist Mitch Leigh ließen den in ihrem Stück übrigens selbst auftreten. Als Gefangenen der spanischen Inquisition, der sich vor einem Tribunal seiner Leidensgenossen verantworten muss. Er tut dies mit ihnen und zwar in einem Schauspiel. Eine zweistündige Kerkerapologie also? Unterlegt mit leichter Muse und das auch noch als 'Theater im Theater'? Gewiß, eine Herausforderung. Das Landestheater Niederbayern meisterte diese am vergangenen Samstag mit Nachdenklichkeit und Verve.

Mehrebiges Theater im Theater, verlangt mehrfaches Funktionieren der handelnden Figuren. Schauspieler, die dann auch noch singend die Handlung fortführen – wie im Musical üblich, im Gegensatz zum primär „Affekte kontemplierenden“ Operngesang – tragen ein Stück nicht nur, sie stemmen es, und das konstant. Für ein Opernensemble musste das eine Gradwanderung darstellen. Ob diese Rechnung aufging? Tat sie, und zur Freude des Publikums kam neben einwandfreier Textverständlichkeit auch ein darstellerischer Bonus dabei herum: Peter Tilch war in gleich drei Charakteren zu erleben, sprich, musste spielend die drei Ebenen des Stücks zusammenhalten: Als Dichter Cervantes im Gefängnis, als der vom Rittertum begeisterte Alonso Quijana und schließlich als dessen traumwandlerischer Wiedergänger Don Quijote. Tilchs Bariton erdete die agile Dauerpräsenz seiner Figuren und mithin das ganze Stück – sprechend, singend und „sprechsingend“. Bei den abrupten Wechseln zwischen seinen drei Charakteren hatte er es im Gegensatz zu seiner Darstellerkollegin Maria Rebecca Stöhr etwas leichter. Die Sopranistin musste nämlich den wegen seiner Schroffheit ohnehin widersprüchlich-vielschichtigen Part der Aldonza noch zusätzlich chargierend ausgestalten.
An der glaubhaft verkörperten Wandlung von der sich der rauen Männerwelt nie zu billig anbietenden Dienstmagd zu Dulcinea, dem ja nie ganz präsenten Minneideal des Don Quijote, hängt nun einmal das Finale des Stücks mit dann gleich allen drei Tilch-Charakteren auf einmal. Wer sein Publikum also zu guter Letzt nicht noch durcheinander bringen will, gibt besser eine gute (Doppel)figur Aldonza/Dulcinea ab. Stöhr gelang dies mit der Leistung des Abends in Sachen stimmlicher Modulation. Und was hat es diese Aldonza schwer? Die Wut kocht in ihr, als ausgerechnet sie – wie doch so viele Frauen – einen Mann, der nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint, wieder auf den Boden der Realität zurückbringen soll, bevor Schlimmeres passiert. Und weil es um die Zurechnungsfähigkeit des Knappen anscheinend besser bestellt ist, fragt sie zunächst ihn, warum die zwei denn diese ganze Schau abziehen. Doch Sancho Pansa ist nicht der Typ, der ihr einen zufriedenstellenden Grund, ein darum, nennen könnte. Wie konnte sie so etwas auch von Quijotes sich entziehenden, knuddeligen „Sidekick“, diesem Mischcharakter aus falstaffscher Lebensfreude, Bauernschläue und grenzenlos naiver Einfältigkeit erwarten. Statt dessen bekam sie von Tenor Reto Raphael Rosin, der diesen subtilen, so schnell in die Untiefen des Slapsticks gezogenen Freund ganz wunderbar verkörperte, ein einfaches „Ich mag ihn“ zur Antwort. Da war sehr schnell und in wunderbarer Schlichtheit erklärt, wer am längeren Hebel sitzt, wenn die Wut auf die Komik trifft. Rosins Sancho bestand sogar drehbuchbedingte Gemeinheiten aus der Salonkomik, wie am Sterbebett des Herrn „Ein bisschen Tratsch tut jedem gut“ singen zu müssen, ohne dass man ihm (oder dem Librettisten) dies übel nähme. Und auch ohne der Figur ihre von so viel Liebenswürdigkeit doch niemals verstellte Vielschichtigkeit zu nehmen.
Robin Brosch hat das Stück inszeniert, die Choreographie oblag Harald Kratochwil. Katja Schindowskis Bühnenbild verlagert die Spielebenen der Handlung in den Raum. Und da das mit luzidem Holzbläser-, Flamencogitarren- und Percussionsklang aufwartende Kammerorchester, wie schon bei der Uraufführung am Broadway 1965, ebenfalls im hinteren Bühnenteil agierte, blieb eben nur die Vertikale übrig. Die Darsteller sangen, tanzten, jagten, lachten, weinten, freuten und wüteten sich in einem fort über zwei übergroße Bücherstapel als seien es gefährlich zerklüftete Felsen. Das Leben, ein Phantasiereigen wie er doch nie so ganz zwischen zwei Buchdeckel passt. Kein allzu bunter, bei weitem nicht immer fröhlicher, und ein ganz und gar nicht verträumter. Statt dessen, gewalttätig, bis in den Zuschauerraum ausgreifend, in dem am Ende jedoch eine Botschaft stehen blieb: Besinne dich der Macht deiner Träume!

Was ist alles drin, in „Der Mann von La Mancha“? Das Leben, die Kraft der Phantasie und schließlich die zur „Bürde gewordene Vernunft“, die nicht einsehen mag, dass „Tatsachen Feinde der Wahrheit“ sind. Das alles wird durch einen Metatheater-Filter gepresst und dann mit eingängiger Motivik, zeitlosen Harmonien und einer Messerspitze Folklore zu einem Singspiel für Menschen jeden Alters vermengt. Für Menschen, die sich prächtig unterhalten lassen wollen und doch auch etwas zum Nachsinnen suchen. Etwas, das länger als nur für die Dauer des Nachhausewegs in ihnen nachklingt. Es gibt unzählige dieser milden Unbeugsamen; manchmal muss man sehr genau hinsehen, um sie zu erkennen, ob ihrer alltäglichen Seltsamkeit. Der ihres ganz eigenen Don Quijote.

Mann von La Mancha - die Termine:

  • Samstag, 24. Januar um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 25. Januar um 16:00 Uhr
  • Freitag, 06. Februar um 19:30 Uhr
  • Samstag, 21. März um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 22. März um 18:00 Uhr
  • Freitag, 08. Mai um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 17. Mai um 18:00 Uhr
  • Samstag, 13. Juni um 19:30 Uhr
tsc/passau-live.de
 
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